18.01.2012
"Wo man singt,..."
Die Stadtratsfraktion SPD-Bündnis 90/Die Grünen informiert
Wo man singet, lass Dich ruhig nieder
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.
Johann Gottfried Seume (Aus: Die Gesänge, 1804)
Aus der Strophe Seumes wurde im Volksmund der Spruch: "Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder". An diesen Spruch musste ich unlängst denken, als ich mal wieder einige polemische Äußerungen zur Kulturförderung der Stadt Köthen las.
Über Kultur wird überall diskutiert. Im Land Sachsen-Anhalt gibt es eigens dafür einen Kulturkonvent, der berät, was man sich in Zeiten knapper Kassen noch leisten kann und leisten darf, und welche Schwerpunkte gesetzt werden sollen. Kürzungen und Streichungen von Zuschüssen für Theater und Museen, für Musik und die sogenannten schönen Künste stehen vielerorts auf der Tagesordnung.
In Zeiten der Haushaltskonsolidierung gilt Kulturförderung als freiwillige Leistung und gerät deshalb immer wieder schnell auf die Streichlisten. Kultur kann nicht kostendeckend erbracht werden. Deshalb wird allerorten überlegt, wo hier der Rotstift anzusetzen sei.
Köthen leistet sich (noch?) eine Köthen Kultur und Marketing GmbH (KKM). Die größten Zuschüsse der KKM kommen vom Kreis. Ein Kulturvertrag, abgeschlossen mit dem Altkreis Köthen, regelt die Übernahme der Erbringung kultureller Leistungen des Kreises in die Trägerschaft der Stadt. Dafür zahlt der Landkreis einen vertraglich vereinbarten Zuschuss und hat sein zuvor dafür zuständiges Personal in die KKM eingebracht. Hinzu kommen Zuschüsse der Stadt und der Stiftung Dome und Schlösser des Landes Sachsen-Anhalt, zu der das Schloss Köthen gehört.
Der Personalaufwand der KKM verschlingt fast 90% des Landkreiszuschusses und rund ein Drittel der Erträge. Die Mitarbeiter müssen nach Tarif vergütet werden. Umsatzerlöse wiederum decken nur zu einem knappen Drittel die Gesamtsumme aller Aufwendungen. Seit 2009 sind die Preise für die Wärmeversorgung des Veranstaltungszentrums und der Museen um ca. 30% gestiegen. Die Preise für die Stromversorgung stiegen um ca. 16%. Im Endeffekt mussten Stadt, Landkreis und Stiftung in 2011 mehr als die geplanten Zuschüsse erbringen, um die Liquidität der KKM zu sichern. Die unausweichliche Folge: Veranstaltungsformate mit dem größten Zuschussbedarf wie die sogenannte Hochkultur müssen besonders deutlich eingeschränkt werden. Über die künftige Struktur der KKM hat in den Verwaltungen und im Aufsichtsrat der KKM ein intensives Nachdenken, Diskutieren und Rechnen begonnen.
Kulturelle Angebote gelten als sogenannte weiche Standortfaktoren. D.h. ganz im Sinne der eingangs zitierten Seume-Strophe können Vorhandensein oder Fehlen dieser Faktoren z.B. die Ansiedlungsentscheidungen von Unternehmen beeinflussen. Entgegen dem Landestrend sind die Übernachtungszahlen in Köthen zuletzt deutlich gestiegen. Jeder Übernachtungsgast gibt zudem ein Mehrfaches seiner Übernachtungskosten am Ort der Übernachtung aus. Davon profitieren auch einheimische Unternehmen. Im Endeffekt ist Kulturförderung also Wirtschafts- und Arbeitsplatzförderung vor Ort.
Köthen wird national und zunehmend auch international mit der Pflege der Musik Johann Sebastian Bachs und der Pflege der Homöopathie assoziiert. Das bringt Tourismus auch außerhalb der Festivals und der Tagungen in die Stadt. Die Bürger der Stadt profitieren von den im nationalen Maßstab deutlich niedrigeren Preisen, als sie an anderen Orten gezahlt werden müssen. Wieder im Sinne Seumes sind wir sicher, dass die Kulturförderung auch die hier lebenden Menschen im Positiven verändert. Dass das ein längerer Prozess sein wird, darüber machen wir uns allerdings wenig Illusionen. Dennoch steht die Fraktion SPD – Bündnis 90/Die Grünen für die Fortführung der Kulturförderung in Köthen. Wie sie noch effektiver gestaltet werden kann und wie es gelingen kann, noch breitere Kreise, einschließlich der als Standortfaktor unentbehrlichen Studierenden davon profitieren zu lassen, wird jedoch eines weiteren intensiven Nachdenkens bedürfen.
Martin Pfarr, FraktionsvorsitzenderDie Fraktion freut sich über Ihre Ideen und Diskussionsbeiträge: SPD-Fraktion@koethen-stadt.de
